Ich, erste Person Einzahl

 

Der eifrige Zenchüler kommt zu seinem Lehrer:

"Meister, ich bin auf der Suche nach mir selbst."

"Ach, - dann hast du es nicht mehr weit."

                                                                                                                              

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In dieser kurzen Geschichte ist eigentlich alles da, was die immer wieder gestellte Frage Wer bin ich? aufwirft. Solche Fragen haben einen Sinn und wollen auf etwas hinaus. Der Schüler glaubt, nur die Antwort auf diese, oder andere ähnlich lautende letzte Fragen finden zu müssen, dann sei er geheilt, erlöst bzw. erleuchtet. (Und das ein für alle mal und möglichst für immer.) Als eifriger Schüler sucht er sie überall auf der Welt, in Heiligen Schriften, in geheimen oder geoffenbarten Lehren, in der dritten, vierten und fünften Versenkung oder in anderen spirituellen Techniken wie Gebet,Tantra, Ekstase und Hyperventilation. Er sucht sie überall, nur nicht dort, wo er sie einzig finden kann: in seiner ganz konkreten individuellen Lebenswirklichkeit, in seinem ganz konkreten Denken, Fühlen und Handeln.

Leben in all seinen Äußerungen findet in seiner Einmaligkeit und Einzigartigkeit eben nun mal immer nur in der ersten Person Einzahl statt. Ich als einzelnes, konkretes Individuum nehme wahr, empfinde, denke, fühle und handle. Ich, erste Person Einzahl bin verblendet oder erleuchtet. Ich, erste Person Einzahl nehme bewusst die Haltung des Erfahrenden und des neutralen Beobachters ein oder versinke in der Bewusstlosigkeit meines Gedankenstroms. Ich, erste Person Einzahl muss mich immer wieder daran erinnern, dass einzig und allein ich selbst für mein Denken, Fühlen und Handeln verantwortlich bin. Ich, erste Person Einzahl muss auch in jeder - wirklich jeder - Situation bereit sein diese Verantwortung zu übernehmen.1 Die Frage Wer bin ich? zielt letztlich auf die Frage, mit welchem Denken, Fühlen und Handeln, mit welchen Glaubenssätzen, Grundüberzeugungen oder anderen Verblendungen stehe Ich, erste Person Einzahl mir selbst im Weg in jeder Situation bewusst und eigenverantwortlich zu denken, zu fühlen und zu handeln.


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Wer bin ich also? Bin ich ich identisch mit meiner Persönlichkeit2, mit meinem Charakter? Die ändern sich während einem langen Leben, manchmal sogar, durch sogenannte Erleuchtungs-erlebnisse ziemlich radikal. Bin ich die Summe meine Gedanken, Gefühle, Handlungen? Auch diese ändern sich ständig, sind ständig im Fluss. Bin ich die Geschichte, die sich seit meiner Geburt oder noch früher, eines aus dem anderen selbst weiter erzählt?3Zugegeben, an der Vergangenheit selbst lässt sich nichts mehr ändern, aber Vergangenheit wirkt nur als Gegenwart in die Zukunft. Und das hängt wiederum davon ab, wie ich hier und heute darüber denke. Aber in diesem Denken, Bewerten und Entscheiden bin ich so frei, heute ganz anders über Vergangenes zu denken als gestern. Bin ich das, was ich vom Leben will, die Ziele die ich mir setze und verfolge? An die sieben Milliarden Menschen wollen gleichzeitig jeder für sich etwas und teilweise ganz anderes vom Leben, verfolgen ihre Ziele. Bin ich die Summe meiner Beziehungen? Auch diese ändern sich mit und ohne mein Zutun ständig.

Es gibt jedoch eine Fähigkeit die mir beständig zur Verfügung steht: in jeder Situation kann ich zur Bewusstheit des neutralen Beobachters zurückkehren und unter Hinzuziehung des Erfahrenden (Körper-Ich) entscheiden, was hier und jetzt zu tun ist, mich auf das Leben einlassen, so wie es wirklich ist.

Diese Fähigkeit lässt sich erlernen und üben, - z.B. im stillen Sitzen im Zazen.


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Wer bin ich? Antworten auf diese Frage habe ich nicht in theoretischen Überlegungen, philosophischen oder psychologischen Spekulationen gefunden, sondern in ganz konkreten und praktischen Übungen. Wie z.B. die Übung „Ich muss nicht immer recht haben, - selbst dann nicht, wenn ich recht habe...“

Jedem/jeder der/die auf der Suche nach sich selbst ist kann ich nur empfehlen mit diesem Koan zu üben. Z.B. im Straßenverkehr, wenn sich ein Kolonnenspringer genau vor dir hineinzudrängen versucht, weil Gegenverkehr kommt, wenn dein(e) Partner(in) irgendeinen Ärger an dir auslässt, wenn deine Eltern zu unmöglichen Zeiten einen Besuch fordern, wenn deine Kinder zum x.ten mal ihr Zimmer nicht aufräumen, wenn der Vorgesetzte deine Leistung nicht würdigt oder wenn ein Untergebener immer wieder den selben Fehler macht...

Mich den unangenehmen und peinlichen Seiten meiner Persönlichkeit zu stellen, daran führt kein Weg vorbei, wenn Ich, erste Person Einzahl mir meiner selbst, d.h. der Konditionierungen, mit denen ich mir selbst im Weg stehe, bewusst werden will. Je mehr und um so öfter ich mich auf solche auf den ersten Blick eher unangenehme Erfahrungen einließ, um so deutlicher stellte ich fest, dass ich nichts an mir abschaffen oder ändern musste. Die Knoten lösten sich von selbst. Nicht Ich, erste Person Einzahl war das Problem, sondern meine ganz unnütze Ichbezogenheit und Selbstsucht, meine auf eingeengte Sicht begründeten Kontrollverlustängste.

Danach dürft ihr euch dann auch mit einer ganz schönen und angenehmen Übungen belohnen, wie z.B. jeden Morgen fünf Gründe aufzählen, warum das Leben liebenswert ist oder jeden Abend drei Ereignisse erinnern, für die ich dankbar bin.

In diesem Sinne: Euch genauso viel Spaß mit eurem Ich, wie ich mit meinem.



1Und jede(r) die/der mit einer gewissen Ehrlichkeit sich selbst gegenüber praktiziert, wird schon erfahren haben, wie viele Situationen es gibt, wo Ich, erste Person Einzahl erst mal alles andere als bereit bin zu üben. (Siehe die später von mir empfohlene Übung „Ich muss nicht immer recht haben, - selbst wenn ich recht habe.“

2Es sei erinnert, dass das Wort Persönlichkeit auf die altgriechische Bezeichnung für Theatermasken zurückgeht.

3Manche nennen das Karma

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Kommentare: 2
  • #1

    Ingrid (Montag, 13 März 2017 16:12)

    „Ich muss nicht immer recht haben, - selbst wenn ich recht habe.“
    Die Idee finde ich phantastisch - das würde ich auch gerne können.

  • #2

    Peter (Freitag, 30 Juni 2017 13:51)

    Üben: Jedesmal, wenn sich der/die kleine Rechthaber/in in Gedanken meldet, ihn/sie freundlich begrüßen und die Frage stellen:
    Wollen wir uns jetzt wirklich aufregen?