Ich habe die Wahl

Wenn din in wirklich jedem Augenblick genau weißt, was du tust,

dann bist du auf dem richtigen Weg

(frei nach Shunryu Suzuki)

Als sich vor mehr als zehn Jahren mein Interesse wieder dem Zen zuwandte, da suchte ich weder nach einer neuen Theorie, Weltanschauung, Religion, nach keiner neuen 'letzten Wahrheit', noch nach außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen, - nicht einmal und schon gar nicht nach den, der Erleuchtung. Mein damaliges Leben im Umbruch, Partnerschaft einige Jahre zuvor zerbrochen, mit gut fünfzig Jahren in die Altersarbeitslosigkeit entlassen, suchte ich auch nicht nach einen neuen psychologischen Krisenbewältigungsmechanismus. Ich suchte ganz schlicht nur nach einer Praxis, die mir über einen zweimaligen wöchentlichen Krafttrainingstermin, etwas Struktur und Ordnung in meinen damaligen Lebensrhythmus bringen könnte.

Da mir zum damaligen Zeitpunkt keine Zen-Gruppe bekannt war und es sowieso mehr meinem persönlichen Naturell entsprach, suchte ich die nötigen Anweisungen in Büchern. So war ich anfangs gar nicht irgendwelcher Versuchung ausgesetzt meine Praxis auf den Übungsraum (Dojo) zu beschränken. Ich stieß gleich zu Beginn auf das Büchlein von den beiden Eifel-Zen-Frauen, das mit der Wäscheklammer vorn drauf, "Zen für jeden Tag", keine weitläufigen bis umständlichen Einführungen in buddhistische Philosophie, Physiologie und Psychologie der Meditation, oder Ähnliches, sondern ein ganz einfaches, praxisorientiertes Rezeptbuch, wie man es macht: Sitzhaltungen, Atemtechniken, Gehmeditation, - und viele Alltagssituationen, in denen man Achtsamkeit und bewusstes Dasein üben konnte. In der Stadtbücherei wurde ich dann weiter fündig, Thich Naht Hanh, Jack Kornfield, von bewussten Atmen bis Gedankenbenennen, es gab vieles, was ich ausprobierte.

Schon ganz am Anfang ging es mir wie eine Lampe auf: Zen ist genau und ganz und gar das zu tun, was ich gerade tue, - selbst beim Gang auf die Toilette. Also keine Zeitung, kein Komik mehr auf dem Klo, kein Radiogedudel mehr beim Autofahren oder als Hintergrundsound in der Wohnung. Ob im Wartezimmer beim Arzt oder auf den Gängen des Arbeitsamtes, alles war Gelegenheit für die Praxis des bewussten Atmens, Körper und Geist zusammenbringen, ganz da zu sein. Alles war Gelegenheit zur Meditation. Und das war ein ganz wunderbares neues Lebensgefühl! Die tägliche formelle Meditation zuhause war für mich eigentlich von Anfang an Training für ein Üben in allen Lebenslagen, der Übergang vom Sitzen in Zazen zu einem Spaziergang, zu einer Autofahrt, zum Kochen, fließend.

Scheinbar unbedeutende Tätigkeiten wie Abspülen, Teetrinken, Sitzen in Wartezimmern, Krafttraining, Essen, Gemüseschneiden, Computertastendrücken, Kontenabstimmen, bei Rot vor der Kreuzung warten, zum Gegenstand der Meditation zu machen, sie mithilfe von Achtsamkeit aus ihrer Bedeutungslosigkeit herauszuholen und dadurch wiederum auch die Kraft der Achtsamkeit für den Alltag zu erhöhen ist jedoch nur die eine Seite dieses Übungsweges. Wer so übt, der wird über kurz oder lang gar nicht umhin kommen auf die eigenen Schwierigkeiten mit dem Umgang mit seinem ganz persönlichen Leben zu stoßen. Das ist die andere Seite der Übung: der Umgang mit so gefühlsgeladenen Dingen wie Geld, Macht bzw. Abhängigkeit und Sexualität. (Themen, die von klassischen Spiritualisten gerne ausgeklammert werden, daher aber auch Missbrauch Tür und Tor öffnen. - Seitenhieb Ende.) Auf diesen Feldern half mir die Technik des Gedankenbenennens weiter: alles, was sich so, sei es beim Sitzen, aber auch auf der 'freien Wildbahn', z.B. des Straßenverkehrs, ereignet, in meinem Geist ereignet, wie angenehm oder zumeist unangenehm es sich auch anfühlen mag, ohne Be- oder Verurteilung, ohne Relativierung, ohne analytische Fragen des Woher und Wohin, einfach nur anzuschauen, und wenn es sein muss, aushalten.


Die Mauern des Gefängnisses in dem mein Ich sitzt sind all die erlernten und dann zum größten Teil ins Unbewusste abgesunkenen Strategien und Taktiken, wie ich es vermeide unangenehme, ängstliche, beschämende Gefühle, all die Gefühle von Unsicherheit, Versagen oder Ohnmacht

erleben zu müssen; und das nicht nur in der konkret praktischen Situation, sondern auch und vor allem nicht in Vorstellung oder Erinnerung.

Wenn aber Ziel der Übung der Gewinn von Freiheit sein soll, dann muss ich mich genau diesen Vorstellungen - sozusagen als Probehandeln - , den damit verbundenen Emotionsgedanken stellen, um sie als nur eine der irgendwann mal, aus welchen Gründen auch immer erlernten Verhaltensmöglichkeit zu erkennen, als bestimmte Erfahrungen in einer bestimmten Situationen, die ich zu allgemeingültigen, oft sogar einzigen Wahrheiten über mich und die Welt verallgemeinert habe.

Das wunderbare an diesem Vorgang ist, dass ich nichts tun brauche außer anschauen, und gegebenenfalls auch - einatmen, ausatmen - aushalten. Ich muss nichts abschaffen oder dazulernen. Ich muss nicht einmal loslassen, denn im Zulassen geschieht das Loslassen selbst: was den Blick verstellt hatte wird durchsichtig, der Blick weitet sich, ich gewinne die Freiheit mich zu entscheiden, wie ich mich dem Leben stelle. Es sind nicht mehr die Gedanken, Gefühle, die mich haben, sondern ich habe die Gefühle und Gedanken. 'Samsara' oder 'Nirvana' zeigen sich nur als die zwei verschiedene Seiten ein und der selben Wirklichkeit.


Ich habe die Wahl, immer wieder, jeden Augenblick. Angenehm? Ich genieße ihn, ohne ihn festhalten zu wollen. Unangenehm? Ich nehme ihn an, in dem Wissen, dass auch Unangenehmes vergänglich ist und das ich erst mit dieser akzeptierenden Haltung entscheiden kann ob und was ich dazu beitragen kann, dass es sich so schnell wie möglich wieder wendet. Neutral bzw. uninteressant? Wer weiß, vielleicht verbirgt sich dahinter ein Geheimnis?


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Kommentare: 6
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